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Erwin Hymer Museum - Pionierarbeit aus Bad Waldsee

Aktualisiert: 22. Sept.

Über die Pionierarbeit des mobilen Reisens – ein Bericht über jede Menge Gedankenreichtum vereint im Erwin Hymer Museum

Was bedeutet es, ein Pionier zu sein?

Pioniere sind „Wegbereiter“ und übernehmen die „Vorreiterrolle“ in einem bestimmten Fachgebiet. Sie haben Visionen, Ziele und betreten oft Neuland. Sie leisten damit Bahnbrechendes für weitere Entwicklungen und genau darum geht es heute in diesem Bericht:


um die Pioniere des mobilen Reisens.


Und wo wäre man da besser aufgehoben, als im Erwin Hymer Museum mit der Dauerausstellung rund um die Entstehung des Campings, seiner Entwicklung bis zur Gegenwart und auch der Blick in die Zukunft.


Im Sommer dieses Jahres, 2021, machte ich mich also ein weiteres Mal auf den Weg zur Wiege des Campings. Diesmal aufgrund von Recherchezwecken zum Thema: Pioniere des mobilen Reisens und Zukunftsvisionen.


Besonders freute ich mich auf das, was mir Frau Isabell Heinzelmann, Projektleitung für Ausstellungsprogramme, im Erwin Hymer Museums erzählen wollte. Und so erfuhr ich nicht nur Details über den hochinteressanten Vision Venture Concept Car, sondern explizit für diesen Bericht, auch ganz tolle Informationen und Details über die Pioniere.


Die Ahnengalerie und ihre Darsteller

Darf ich die anwesenden Herren kurz vorstellen? Reihenfolge von links nach recht...


Arist Dethleffs – Heinrich Hauser – Hans Berger – Theo Rockenfeller – Franz Knöbel – Hans Seitz – Max Würdig – Erich Bachem – Erwin Hymer


Ich habe mir ein paar Herren herausgepickt und ich möchte beginnen mit:

Erich Bachem - sein netter Spitzname und die Folgen

Erich Bachem war Flugzeugbauer und hatte während des 2. Weltkrieges für die Luftfahrt an einer Rakete namens „Natter“ gebaut, wofür er bekannt wurde. Ebenso wie Alfons Hymer, der Vater von Erwin Hymer, betrieb Bachem eine Werkstatt in Bad Waldsee. Alfons Hymer selbst war von Beruf her Karosseriebauer und wie das ist … man kennt sich halt im Städtchen und so sollte eines zum anderen führen.


Vom Spitznamen zum Riesenkonzern - der Grundstein zu ERIBA


ERIBA – mit Sicherheit schon einmal gehört, oder? Der Name setzt sich zusammen aus Erich und Bachem. Ich hörte durch die Erzählung von Frau Heinzelmann, dass der Spitzname Erich Bachems in seiner Jugendzeit „Eriba“ war und daraus wurde dann letztendlich ein Riesenkonzern – ERIBA, der Caravan- und Wohnwagenhersteller, und dies seit über 60 Jahren.


Seine Verbindung zu Erwin Hymer kannst Du weiter unten lesen.

Arist Dethleffs - und sein wunderbares Hochzeitsgeschenk

Wir schreiben das Jahr 1931- Arist arbeitet als Junior-Chef im elterlichen Peitschen- und Zaumzeugfabrik und im Rahmen seiner Tätigkeit ist er wochenlang unterwegs. Seine Verlobte, die Friedel Edelmann hatte einen Wunsch, nämlich "so etwas wie einen Zigeunerwagen in dem sie gemeinsam fahren könnten" und auch um den langen Trennungsphasen zu entgehen. Das schrieb sie in ihr Tagebuch und ihr Wunsch wurde ihr erfüllt. Arist setzte den Gedanken in die Tat um und baute Friedel als Hochzeitsgeschenk - das Wohnauto (so etwas hätte ich auch gerne bekommen:-) Es folgten erste Testfahrten und viele tausende Reisekilometer.


das Caravaning war erfunden

Danke an Arist an dieser Stelle für dieses wunderbare Hochzeitsgeschenk, an dem auch wir Camper heutzutage noch teilnehmen dürfen, denn: das Caravaning war erfunden und erreicht heute Millionen von Anhängern.


Ein Zitat von Friedel möchte ich gerne wiedergeben, zu finden auf der Webseite, Link unten:


"Es ist wunderschön so zu reisen - uns fehlt nichts,

wir haben ein komfortables Haus mit auswechselbarem Garten

und stets neuem Blick aus dem Fenster"

- Friedel Dethleffs -


Schöner können wir Camper es auch nicht beschreiben, die Lust und Freude an unserem Hobby. Mehr über das Wohnauto, seine Annehmlichkeiten kann Du hier erfahren Dethleffs - Pioneers of Caravanning und hier zu den Meilensteinen der Dethleffs Historie (1931 - 2019)


Die Familie Berger - Campingausstatter bis heute

Die zwei Brüder, Hans und Fritz Berger, waren beide gleichzeitig mit dem Thema Campingausstattung beschäftigt. Hans kannte sich gut aus mit Campen, Zeltcampen und den Bau von Faltbooten. Irgendwann hat er auch er einen Wohnwagen gebaut, den Zelt-Caravan.


Das Haus immer dabei zu haben, war besonders in Kriegszeiten sehr interessant. Die wenigen existierenden Zelt-Caravane wurden im 2. Weltkrieg enteignet, eingezogen und den Soldaten und Offizieren als Unterkunft zugewiesen.


Sobald der Krieg vorbei war, fuhr Hans fort mit seiner Arbeit. Sein Credo war die Leichtbauweise, sodass der damals populäre VW Käfer den Wohnanhänger auch ziehen konnte. Speziell Handelsreisende waren angetan von der Mobilität, da nach dem Krieg Unterkünfte oder Hotels ein rares Gut waren. Vieles war zerstört und so konnten sie im Anhänger ihre Waren unterbringen und auch darin nächtigen.


Fritz übernahm das Unternehmen von Hans Berger und daraus entwickelte sich der bekannte Camping-Ausstatter von heute.

Theo Rockenfeller – unter Schakalen

Er hat nie einen Caravan gebaut und trotzdem trug er zu der Verbreitung des mobilen Reisens bei, und zwar durch seine Reiseberichte. Er war der bekannteste Motorjournalist seiner Zeit und unterstützte die Bewegung mit seinen Veröffentlichungen und gewann dadurch Aufmerksamkeit in der Bevölkerung. Auch er war als Flugzeugingenieur tätig und drehte Filme über das Fliegen. Er dokumentierte sogar die Landung eines Doppeldeckers auf der Zugspitze – wie das wohl von sich ging?


Rockenfeller und Wüsten-Luxus? Im Gegenteil, purer Pioniersgeist


Rockenfeller war wiederum befreundet mit Hans Berger, arbeitete in dessen Verkaufsfiliale ab 1932 und durch seine Reisen von 1000en von Kilometern informierte er die interessierte Leserschaft über Reisetipps, und zwar aus 1. Hand. Spannend, oder? Das Camping nannte er damals AUTOWANDERN. Ein schönes Zitat von ihm aus der Allgemeinen Automobil-Zeitung, datiert 08.10.1938:


© Erwin Hymer Museum – Auszug aus der Dokumentation der Ausstellung im Erwin Hymer Museum



„Wir wollen die Sahara sehen und irgendwo da schlafen, wo noch keiner übernachtete.

Wo kein Baum und Grashalm wächst und wo Stille herrscht,

die wir nur vom Hörensagen kennen“


Gesagt - getan. 1938 war er mit dem Modell KARAWAN 5 Wochen lang in der libyschen Wüste unterwegs. Welch ein Abenteuer!


Buchtipp falls erhältlich:“ Als Autozigeuner in den Bergen“ mit Theos Tipps und Anleitungen rund ums Autofahren und den Umgang mit Zelt und Wohnanhänger.



Lass Dir das mal auf der Zunge zergehen

Wir sprechen von der Zeit VOR dem 2. Weltkrieg. Unterwegs im no-where, Supermärkte gab es nicht, Zapfsäulen natürlich Mangelware, keine Toilette an Bord, kein Wassertank. Das ist tatsächlich Pionierarbeit. Und das ist Kontakt mit Land, Leuten und deren Kultur. Einfach mal los. Einfach fahren.


Nett fand ich auch die Aussage über seinen Unwillen, „in Luxushotels zu schwelgen und von befrackten Oberkellnern hofiert zu werden.“ Er zog das Heulen der Schakale definitiv vor.


Franz Knöbel, der Gründer von Westfalia

Westfalia – ein altes Familienunternehmen wurde 1844 als Schmiede gegründet. Hergestellt wurden hier Ackergeräte, später Pferdeschlitten und diverse Arten von Nutzanhängern. Die Enkel übernahmen 1933 den Betrieb und Franz, Erfinder und Konstrukteur, meldete seine entwickelte Kugelkopfkupplung (1934) zum Patent an. Ihn beschäftigte einfach die Idee, wie er den Wohnanhänger an den VW anschließen kann. Auch er gab 1935 den Anstoß zum Bau des 1 Wohnwagens.


Und wie so oft, kommen Ideen aus der Praxis. Franz half hierbei die Inspiration durch die Gelenkpfanne eine Hähnchenknochens. Wenn das kein anschauliches Beispiel ist.


Und: diese Verbindung von Zugwagen und Anhänger war so revolutionär, dass sie unübertroffen blieb, heute bekannt unter Anhängerkupplung = AHK. Mittlerweilen ist wahrscheinlich die 1.000.000 AHK gefertigt worden, siehe hier Westfalia Historie


Darüber hinaus entwarf er auch die Camping-Box (1952), welche im Grunde die Interieur Ausstattung für den klassischen VW Transporter darstellte und diesen sozusagen zum Reisemobil veränderte. Kurzer Umbau und aus dem Nutzfahrzeug wurde das Ferienvehikel. Aber, zuerst wurde diese Idee in USA populär, bevor sie dann wieder den Weg zurückfand, als die deutsche Bevölkerung die Vorteile und Vorliebe des Campingbusses entdeckten. Vielleicht in der Zeit auf dem Weg zur Erleuchtung.


Die Familie Seitz – Alpenspaß am Alpenpass

Auch Familie Seitz hat vor dem 2. Weltkrieg einen Wohnwagen entwickelt und wurde bekannt durch die Überquerung des Alpenpasses „Stilfser Joch“ – eine ganz schöne Geschichte.


Stell Dir einmal die Fahrt im letzten Jahrhundert vor


ein Alpenpass mit engen Serpentinen, mühsame Vor- und Rückmanöver, nur in den Kurven geteerte Teilstücke, ansonsten Schotter. Den Hänger am Auto.


© Erwin Hymer Museum – Auszug aus der Dokumentation der Ausstellung im Erwin Hymer Museum

Eine weitere Sensation war auch, dass die Frau des Hauses, Frau Seitz, dieses Auto mit dem Wohnanhänger über den Pass fuhr.


Eine Frau?

In den 30-er Jahren mit Führerschein und dann noch eine Passüberquerung? Meisterinnen-Leistung, oder?


Ein Video gibt es dazu in der Dauerausstellung im Museum.

Ich sage nur: Hut ab vor dieser Idee und diesem Willen.


Erwin Hymer - ein Name, ein Begriff

Das Hymermobil – längst eingegangen in das Vokabular des mobilen Reisens.


Geboren 1931 arbeitete Erwin Hymer gut 20 Jahre später als junger Ingenieur bei Dornier und an einem Luftfahrt-Projekt in Spanien. Auch lange Zeit nach dem 2. Weltkrieg war es in Deutschland nicht erlaubt, den Flugzeugbau zu betreiben.


Die Heimat, sprich sein Papa, hat Erwin dann 1956 nach Bad Waldsee zurückgerufen und wie die Jugend so ist, hatte Erwin den Wunsch, unbedingt Unternehmer zu werden und selbständig sein. Er hatte so viele gute Ideen wie z. B. die Entwicklung des roten „Motorrädle“ (mit 17 Jahren gebaut) oder den Dornier „Delta“, woraus sich der „Janus“ entwickelte.


Erich Bachem, wie gesagt auch aus Bad Waldsee, wandte sich anno 1956 an Erwin Hymer mit der Bitte, ihm doch einen Wohnwagen zu bauen.


Vielleicht war seine Frage:

„ich hätte gerne einen Wohnwagen, kannst Du mir den bauen?“

Klare Antwort eines findigen Geistes?

„jawohl, das probieren wir aus.“


Welch eine zukunftsweisende Idee direkt aus dem Schwäbischen und übrigens als Ausstellungsstück im Museum zu bewundern.


„Ur-Troll“, so hieß ihr erster gemeinsam gebauter Wohnwagen, welcher der Prototyp für alle folgenden Wohnwagen werden sollte.

Gemeinsam mit seiner Ehefrau Erika unternahm Erich Bachem eine Testfahrt an den Bodensee.

Schau mal auf das s/w Bild, wie gemütlich das war. Übrigens wurde bald darauf entschieden, eine Serie anzufertigen und so entstanden dann die ersten 3 Typen: Puck, Faun und Troll – Namen aus der Sagenwelt. Hymer hat sie gebaut und Bachem hat sie vertrieben.

© Erwin Hymer Museum – Auszug aus der Dokumentation der Ausstellung im Erwin Hymer Museum


Viele Jahre vergingen bis ca. 1971, als der erfindungs- und ideenreiche Erwin Hymer einer neuen Idee auf der Spur war: die Zeit des Hymer Reisemobils war geboren, ein Reisemobil, welches sich wiederum Jahre später zum Hymermobil entwickelte. 1974 stellte er den ersten „Integrierten“ vor, was bedeutet, dass die Fahrerkabine komplett in den Wohnraum einbezogen wird. Die Serienfertigung startet, der Rest ist Wohnmobil-Geschichte.


Gegenseitige Beeinflussung und Ideenreichtum


Die Ahnengalerie der Pioniere zeigt herausgepickte Geschichten, wie die ersten Wohnwagen entstanden sind. Und so geschah die gegenseitige Beeinflussung und der Ansporn, an Ideen zu feilen und sich gegenseitig zu inspirieren. Sowohl vor als auch nach dem 2. Weltkrieg.



„Von der Vision zu Mission – die unerschöpfliche Arbeit der Pioniere.

Deren Ideenreichtum hat schon immer unsere Welt verändert

und sie mannigfach bereichert.

Einer fängt an und ein anderer greift den Faden auf.

Und in diesem Fall haben wir Camper besonderes Glück.“

- Trixi Bakker -



Danke an…


Last not least…ich möchte mich an dieser Stelle sehr herzlich bei

Frau Heinzelmann, Projektleitung für Ausstellungsprogramme bedanken für ihre Zeit, für das Gespräch und die Möglichkeit

zum Erhalt der Informationen, die ich in diesem Beitrag verarbeiten konnte.

Mein persönliches Bulli-Proof?

Reisen erweitert den Horizont - also, einfach mal los-van!

Vielleicht steckt auch in Dir ein kleiner Pionier:-)


Wenn Du mehr über Das Museum lesen möchtest, dann lies gerne folgenden Blogartikel "Exponate und Dauerausstellung im Erwin Hymer Museum"



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